„War doch nicht böse gemeint!“ Über Alltagsrassismus und wie er sich überwinden lässt.

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„Wo kommst du her?“

„Aus Köln.“

„Nee, ich meine, wo kommst du wirklich her?“

Diese Nachfrage ist nur ein Beispiel für die zahlreichen Erscheinungsformen von Alltagsrassismus. Auch einige unserer Kolleginnen und Kollegen haben derartige Erfahrungen gemacht, weshalb wir euch zeigen wollen, wie es anders geht.

1. Die vielen Gesichter von Alltagsrassismus

Häufig entsteht Alltagsrassismus nicht aus einer schlechten Intention heraus, sondern ist Ausdruck mangelnder Reflektion. Der Autorin Tupoka Ogette zufolge handelt es sich dabei um Rassismus, der „oft mit einem Lächeln daherkommt“. Dennoch ist er verletzend und erzeugt bei den Betroffenen das Gefühl der Ausgrenzung.

Die problematische Frage nach der Herkunft

So impliziert – spätestens die wiederholte – Frage nach der eigentlichen Herkunft, dass die angesprochene Person fremd sei und nicht zu Deutschland gehören würde. Zugrunde liegen bestimmte Merkmale wie die Hautfarbe oder ein Name, der nicht „deutsch genug“ klingt. Zu viele Menschen machen sich nicht bewusst, dass zahlreiche PoC (People of Color) in Deutschland auch Deutsche sind. (Hinweis: People of Color ist eine internationale Selbstbezeichnung von Menschen, denen Rassismus widerfährt, und die sich selbst als Gegenentwurf zu Fremdbezeichnungen versteht, die aus der weißen Mehrheitsgesellschaft stammen.)

Die Problematik kennt auch Sandra aus unserer HR-Abteilung: Als Kind erlebte sie Alltagsrassismus in Form von abfälligen Kommentaren über ihre Hautfarbe oder ihre Afrohaare. Obwohl alltägliche Diskriminierungen im Laufe der Zeit abgenommen haben, begleitet sie die Angst vor Alltagsrassismus weiterhin – ebenso wie die Frage, woher sie ursprünglich kommen würde, und die Erkenntnis, dass die Nennung ihrer deutschen Heimatstadt den meisten Menschen nicht reicht. Manche davon reagieren sogar genervt, weil die für sie unerwartete Antwort ihr Weltbild angreift.

Der Diskurs um Rassismus in Deutschland ist meiner Meinung nach noch ziemlich am Anfang. Vielen ist nicht klar, wie tief Rassismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Wir sollten viel offener darüber reden, um das Tabu zu brechen. Ohne Dialog kann keine Veränderung stattfinden. 

(Sandra, Human Resources)

Weitere Formen von Alltagsrassismus: vermeintliche Komplimente und Witze

Unter Alltagsrassismus versteht man auch Aussagen, die mit einer wohlwollenden Intention ausgesprochen werden. Ein Beispiel hierfür ist ein Satz wie „Für einen Türken sprichst du aber gut Deutsch.“ Reagiert der Angesprochene darauf mit der Aussage, er sei Deutscher, wird das oftmals ebenso in Zweifel gezogen wie bei der direkten Frage nach der Herkunft.

Das Ausgangsproblem: Bei diesem vermeintlichen Lob wird eine Nicht-Zugehörigkeit unterstellt – denn wer würde eine andere Person dafür loben, dass sie ihre Muttersprache so gut beherrscht?

Auch Witze können sehr verletzend sein, wenn die Lacher auf Kosten von Angehörigen einer bestimmten ethnischen Gruppe gehen, die im jeweiligen Umfeld die Minderheit darstellt. Ein bekanntes mediales Beispiel hierfür ist die Figur Apu aus der US-Serie „Die Simpsons“, deren rassistische Überzeichnung erst spät thematisiert und kritisiert wurde. Wie schwer es ist, wenn die einzige Repräsentationsfigur einer Minderheit mit derart negativen Klischees besetzt ist, hat auch unser Area Product Manager Shashi erfahren. Er zog im Alter von neun Jahren in die Nähe von Detroit und wurde dort von anderen Kindern gehänselt:

In America, when I was growing up there were no representations of South Asians in pop culture, except Apu in the Simpsons. This was terrible, especially since the community of immigrants around me was high end professionals: doctors, engineers, academics etc. Still, kids are mean and would often make fun of us by using Apu’s terrible “Indian” accent. That was everyday racism in my childhood.

(Shashi, Product Management)

Shashi, Product Management

Alltagsrassismus und offener Rassismus unterwegs

Dennoch liebt der gebürtige Inder die Stadt Detroit für ihre Musik, die ihn und seine Familie bis heute begleitet. Als Erwachsener hat er die Erfahrung gemacht, dass sein wissenschaftlicher Doktorgrad viele Menschen in Deutschland überrascht, weil das offensichtlich nicht in ihre Vorstellung von südasiatischen Männern passt. Zudem wird er in der U-Bahn oft angestarrt, besonders, wenn er mit seiner Frau unterwegs ist, die ursprünglich aus Münster kommt. Wenn sie ihre Verwandtschaft dort besuchen, macht er sich einen Spaß daraus, mit der Erwartungshaltung der Menschen zu spielen:

Münsteraner have a particular style of clothes, which is influenced partly by the aristocracy around the area. I find them quite classically cool and wear them often. This is also surprising to people. Even before they hear me speak American English, I can tell they are a bit confused about how I know and own their uniforms; it can be quite hilarious, actually.

(Shashi, Product Management)

Charlene unterstützt seit fünf Jahren unseren Customer Service und hat den Eindruck, dass sie früher häufiger von Rassismus betroffen war. Allerdings gibt sie zu bedenken, dass ein Kind auch ein leichteres Ziel ist als die selbstbewusste junge Frau, als die sie sich heute beschreibt. Obwohl es nicht einfach ist, tritt die Afrodeutsche in solchen Situationen inzwischen bestimmt, aber weiterhin respektvoll auf – und erklärt den jeweiligen Personen, weshalb ihr Verhalten unangebracht und rassistisch ist. Doch nicht jeder Mensch zeigt sich einsichtig:

Als ich einmal am späten Nachmittag mit einer Straßenbahn nach Hause gefahren bin, hat ein älterer Herr rassistische Witze über Schwarze Menschen gemacht, auf die ich hier nicht im Detail eingehen möchte. Nachdem ich realisiert hatte, dass er sich direkt auf mich bezog, habe ich ihn mit seinen Äußerungen konfrontiert und versucht, ihn zu sensibilisieren. Nach weiteren rassistischen Bemerkungen habe ich dann meinen Sitzplatz gewechselt. In dieser Situation hätte ich gehofft, dass die Menschen in der Umgebung sich solidarisch verhalten und das Geschehen nicht einfach ignorieren. Wir Betroffene dramatisieren solche Situationen nicht – Alltagsrassismus existiert.

(Charlene, Customer Service)

Alltagsrassismus als stiller Begleiter bei der Freizeitgestaltung

Fabio arbeitet seit 2017 in unserem Finance Department und ist Teamlead für die Online-Buchhaltung. Er lebt in Köln, kommt ursprünglich aber aus Gronau in der Nähe von Münster. Als Deutsch-Italiener und mit einem Freundeskreis aus vielen verschiedenen Nationen hat auch er direkt oder indirekt Erfahrungen mit Alltagsrassismus gemacht, etwa im Fußballverein oder beim (geplanten) Besuch von Discotheken. Bei einer Open-Air-Veranstaltung, für die vorab Tickets gekauft werden mussten, wurden einige seiner Freunde am Eingang zurückgewiesen – angeblich, weil sie „vom Style her nicht passen“ würden. Auf Nachfragen wurde nicht eingegangen, aber es war klar, dass sie den Verantwortlichen zu ausländisch aussahen. Da Fabios Freunde nicht die einzigen waren, die deswegen keinen Einlass erhielten, wurde der Veranstalter im Nachhinein scharf kritisiert.

Der Fußballbegeisterte hat selbst oft genug versucht, rassistische Situationen auf dem Feld verbal zu lösen, aber nur selten lenkte sein Gegenüber ein. Auch deswegen sieht Fabio aktuell keine Verbesserung des Status quo:

Es ist einfach traurig, dass Alltagsrassismus immer noch so präsent ist – ob im Sport, in Form von Polizeigewalt (USA) oder im Alltag. Ein Unding ist es auch, dass wir hier in Deutschland die Möglichkeit haben, eine Partei wie die AfD zu wählen. Andere Länder stehen dem in nichts nach. Wir machen meiner Meinung nach gerade eher zwei Schritte zurück beim Thema Alltagsrassismus. 

(Fabio, Finance)

Wenn mit zweierlei Maß gemessen wird

Lam Di, unser Werkstudent im Controlling, nennt sowohl die Frage nach seiner Herkunft als auch Vorurteile gegen bestimmte ethnische Gruppen als typische Beispiele seiner persönlichen Erfahrung mit Alltagsrassismus. Für ihn ist es normal, dass sein Freundeskreis, Kolleginnen und Kollegen sowie Führungskräfte einen anderen Hintergrund haben als er. Gleichwohl schätzt er Teams, die divers aufgestellt sind.

Ihm ist eine weitere Komponente von Alltagsrassismus aufgefallen, die sich darin zeigt, dass oft mit zweierlei Maß gemessen wird:

Wenn einer Person mit ausländischen Wurzeln ein Fehler passiert, fällt das häufig auf alle Menschen dieser Herkunft zurück. Das ist bei Personen ohne einen solchen Hintergrund nicht der Fall. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen ohne Migrationshintergrund dieses Privilegs bewusst sind.

(Lam Di, Controlling)

All die genannten Aspekte können ein derart komplexes Thema nur oberflächlich beleuchten, sie zeigen jedoch, wie verbreitet Alltagsrassismus ist – und dass er in vielen Fällen leicht zu vermeiden wäre. Nachfolgend findest du explizite Tipps und eine kleine Auswahl an Informationsquellen.

2. Tipps gegen Alltagsrassismus

Als Unternehmen mit Kolleginnen und Kollegen aus 47 Nationen – Tendenz steigend – ist es uns wichtig, dass sich alle bei uns wohlfühlen, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft. Daher liegt es uns am Herzen, über Alltagsrassismus aufzuklären und uns für Diversity einzusetzen, auch weil Ethnie und Nationalität nur eine von zahlreichen Vielfaltsdimensionen darstellen. Die Unterstützung der Charta der Vielfalt und unser jährlich wiederkehrender Diversity Month sind uns daher ein großes Anliegen. Doch wie kann man als Einzelperson etwas gegen Diskriminierungen wie Alltagsrassismus unternehmen?

Empfehlungen, um sich im Alltag weniger rassistisch zu verhalten:

– Sei dir deiner Privilegien als weiße Person bewusst. Dabei geht es weniger um die Komponente der Hautfarbe, sondern um eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft. Als weißer Mensch bist du Teil der Mehrheitsgesellschaft, wirst daher immer an erster Stelle repräsentiert und verfügst über Privilegien, die den Angehörigen einer Minderheit fehlen.

– Wenn dir das nächste Mal die Frage nach der Herkunft oder dem Geburtsort eines Menschen unter den Nägeln brennt, überlege doch, ob du sie auch jemandem stellen würdest, der auf dich einen „deutscheren“ Eindruck macht. Oder, um es mit den Worten unseres Kollegen Shashi zu sagen: „Be kind and assume that the person belongs exactly where they are.“

– Sofern du dennoch diese Frage stellst, akzeptiere die Antwort, auch wenn sie nicht deiner Erwartungshaltung entspricht.

– Bekommst du mit, dass einer Person Alltagsrassismus widerfährt, nimm das nicht einfach hin, sondern biete der Person deine Hilfe an.

– Hinterfrage deine Vorurteile und Stereotype, die du von verschiedenen Ethnien und Kulturen im Kopf hast.

– Falls dich jemand darauf hinweist, dass eine Äußerung von dir verletzend ist, nimm das ernst und denk darüber nach. Eine entsprechende Rückmeldung bedeutet nicht, dass du von der anderen Person als schlechter Mensch betrachtet wirst. Du kannst eine solche Situation als Chance sehen, mehr über verdeckten Rassismus zu erfahren, der dir bisher nicht bewusst war.

Hintergrund: Oftmals reagieren Menschen gekränkt und abwehrend auf solche Hinweise. Da sie selbst nicht merken, dass sie sich rassistisch verhalten haben, und es mit ihrer Selbstwahrnehmung kollidiert („Ich bin doch kein Rassist!“), fühlen sie sich angegriffen. Im schlimmsten Fall wird die marginalisierte Person dazu aufgefordert, nicht so sensibel zu sein, oder soll sich für ihre Perspektive entschuldigen. Solche Abwehrmechanismen kennen leider auch einige unserer Kolleginnen und Kollegen aus eigener Erfahrung. Die Unterstellung, man selbst bilde sich den Alltagsrassismus nur ein, kann sogar dazu führen, dass man letztlich die eigene Wahrnehmung anzweifelt, wie uns auch Shashi berichtete.

– Informiere dich: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, dich mit dem Thema Alltagsrassismus auseinanderzusetzen, sei es in Form von Workshops, Podcasts, Videos oder Artikeln und Büchern.

Hier findest du eine kleine Auswahl aktueller Beiträge zur Thematik:

– Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“. Ein prominentes Beispiel für Alltagsrassismus stellt die Rezeption von Hasters Buch selbst dar: Ein nicht unbekannter deutscher Kabarettist bezeichnete es als Riesenrenner in den USA – obwohl es dort gar nicht erschienen war und die Autorin Kölnerin ist.

– Tupoka Ogette: „Exit Racism“. Die Bestseller-Autorin und bekannte Beraterin für Rassismuskritik bietet einen umfassenden Onlinekurs und verschiedene Workshops an. Im Rahmen der Google Zukunftswerkstatt hält sie am 27. Oktober die nächste Keynote zum Thema „Exit Racism – Rassismuskritisch denken, sprechen und handeln“.

– Vanessa Vu und Minh Thu Tran erzählen in ihrem Podcast „Rice and Shine“ spannende vietdeutsche Geschichten. Die Töchter vietnamesischer Einwanderer nehmen dabei unterschiedliche Stereotype in den Blick und zeigen euch den schmalen Grat zwischen Anerkennung und kultureller Aneignung.

20 Tipps, um sich weniger rassistisch zu verhalten

– Aktiv werden gegen Alltagsrassismus: Empfehlungen von Amnesty International

Warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt

– Robin DiAngelo: White Fragility (Deutsche Ausgabe: Wir müssen über Rassismus sprechen: Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein)

– Aminata Touré: Wir können mehr sein. Die Macht der Vielfalt

– Mohamed Amjahid: Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken

– Emilia Roig: Why we matter. Das Ende der Unterdrückung

– Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus (auch als Hörbuch auf Spotify erhältlich)

 

Fazit: Alltagsrassismus in seinen unterschiedlichen Formen und Ausprägungen ist leider verbreiteter, als wir annehmen. Obwohl sich die meisten Menschen darin einig sind, dass die Zukunft divers ist, gibt es also noch viel zu tun – für die Gesellschaft, die Unternehmen und für Einzelpersonen. Oder, wie Tupoka Ogette in ihrem Buch Exit Racism schreibt: „Gib nicht auf. Rassismus zu bekämpfen, ist ein viele Generationen alter, langer Kampf, kein kurzes Aufbegehren. Sei also realistisch mit Deinen Erwartungen, bleib positiv und behalte Dein Herz auf dem rechten Fleck.“ Ein großer Dank gilt unseren Kolleginnen und Kollegen, ohne die der Beitrag in dieser Form nicht möglich gewesen wäre.